Albanien 2007
Ungewöhnliche Reiseziele gibt´s ja in Europa nicht mehr sehr viele. Für fünf Jungs, die beim Begriff “ungewöhnlich” die ersten beiden Buchstaben üblicherweise ignorieren, stellte bisher Albanien - nach all dem was die Medien über dieses Land berichteten, die Königsdisziplin aller Abenteuerreisen dar.
Allein die Tatsache, dass uns viele die wir mit unserem Reiseziel konfrontierten, eine gute Wiederkehr ohne große Blessuren statt eines schönen Urlaubs wünschten, konnte nur Bestätigung und Ausblick für viele ungewöhnliche Erlebnisse sein.
Zur Erklärung: Wir, das sind der bt_o (die Architekten des bautrupp_orange) und meine Wenigkeit. Alle Jahre wieder machen wir eine kleine Studienreise, die uns bereits nach Belgrad, in die Ukraine, nach Rumänien und heuer eben in die “Terra inkognita” par Excellence führte. Erkennungszeichen dieser fünf Wahnsinnigen sind orange Jackerl als Reisetracht und ein gewisser Sinn für das Ungewöhnliche…

Das Verkehrsmittel der ersten Wahl auf den bt_o Studienreisen war auch heuer natürlich wieder die Bahn. Es ist schon ein ganzes Stück, von Wels nach Tirana zu kommen (Wels-Wien-Budapest-Belgrad-Podgorica… Albanische Grenze); aber hier kann man nur seine Zunge befeuchten und eine richtig abgelutschte Erkenntnis nochmal ablecken: “Der Weg ist das Ziel”



In Tirana angekommen, fanden wir nicht nur die ersten Motive für das Architektur-geschulte Auge, wir trafen auch Hannes Schimpelsberger (vulgo Hauns), ein Österreicher, der seine Wurzeln (genau wie ich auch) in Kronstorf hat. Er ist Jurist und kümmert sich im Rahmen eines EU-Projekts in Albanien um den Aufbau des Justizsystems. Günstigerweise hatte Hauns gleich am nächsten Tag seinen 30igsten (!!!!) Geburtstag; das gab uns etwas, was wir normalerweise nicht brauchen: einen triftigen Grund, um auszugehen.
Irgendwie scheinen wir in unseren Jackerl auch nicht ganz unauffällig zu sein; wir wurden mitten auf der Straße angesprochen und auch gleich fotografiert! Beinahe verwirrt von so viel Offenheit, die Fremden entgegengebracht wird (welcher verklemmte Österreicher würde eine Gruppe oranger Albaner ansprechen…?) hatten wir also erste Kontakte mit den Menschen in Tirana.
Von schwerbewaffneten, nach Blutrache dürstenden, hungrigen und zu allem entschlossenen Albanern, wie sie in so mancher Berichterstattung der Vergangenheit vorkamen, keine Spur.


Auch wenn die Statuen der Vergangenheit in die Hinterhöfe verbannt und die Elektroinstallation von Clowns gemacht wurde; Tirana gibt sich zu erkennen, verheimlicht nichts, zeigt sich als das, was es ist: eine Großstadt mit viel Bewegung, Restaurants, Märkten, Nachtleben und und und…




Ein wahrhaft bunter Hund scheint Edi Rama, ehemaliger Basketballspieler, Künstler und Kulturminister; jetzt aber Bürgermeister von Tirana, zu sein. Er ließ viele illegale Bauten, die in den Wirren nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft entstanden sind, einfach abreißen und die so entstandenen Flächen begrünen - der Chill-out-Faktor ist, wie auf dem Bild zu sehen ist - ausgezeichnet. Die tristen Plattenbauten aus der Ära der kommunistischen Isolation wurden nach seinen Entwürfen bunt bemalt und bringen so vielleicht auch mehr Farbe ins Leben der Menschen.



Ein “Jausenbier” am Nachmittag (das Foto stammt noch aus Montenegro, hat aber für JEDEN Tag seine Gültigkeit) und ein Abendspaziergang in Tirana, das war unser Programm - von Abenteuer (leider) keine Spur. Langsam stellte sich raus, dass das Image Albaniens im Rest Europas einer Korrektur bedarf, dass nichts von dem zu stimmen scheint, was sich sogar die nächsten Nachbarn, wie zB die Montenegriner über dieses Land erzählen…



Nach zwei Tagen Tirana ohne besondere Vorkommnisse organisierten wir uns ein Auto und brachen Richtung Küste auf. Jammerschade, dass die Albaner kein Interesse an der Besteigung der eigenen Berge haben, wo diese doch so malerisch in der Landschaft schlummern. Gut ausgebaute Bergstraßen brachten uns an die südliche Küste, wo uns (wie überall in Albanien; siehe unten) duzende “Schwammerl” begrüßten. Der ehemalige kommunistische Diktator Enver Hoxha ließ unglaubliche 700.000 Stück Bunker anfertigen, die zur “erbitterten” Verteidigung der Heimat dienen sollten. Jeder fünfte Albaner hätte die Möglichkeit gehabt, seinen Gewehrlauf auf imperialsistische Angreifer zu richten. Es scheint, als hätten die Albaner weder heute noch in der Vergangenheit besonders Lust gehabt, Krieg zu spielen - zum Glück!



Das Meer kitschig azurblau, das Bier unverschämt billig, die Plastikstühle instabil und das Omlett am Morgen gut geölt - das sind die Zutaten eines Tags an der albanischen Riviera.
So wurde diese “Studienreise” wider Erwarten die bisher stillste. Es gab viel Zeit zum Beobachten; zum Reinschauen ins Land, in die Menschen und vor allem in sich selbst. Nicht nur ein mit wahnwitzigen Vorurteilen belasetes Land galt es zu entdecken, auch das unbekannte Land in meinem Inneren besaß einige weiße Flecken, zu denen ich mich nun aufmachen konnte…



Historische und moderne Architektur in Albanien - eine Mercedesdichte, die ihresgleichen sucht - wunderbares Essen und Beisel, wohin das Auge blickt - offene Menschen und ein bescheidener Wunsch nach einem besseren Leben - all das kannst du in Albanien finden, nur eines nicht: was du immer schon darüber gehört hast…
Text: m-art-in Arbeithuber
Fotos: Georg Kirchweger, Clemens Zimmerberger, m-art-in

hallo martin, hallo jungs von bt_o,
ihr seid ja bekannt für den etwas anderen “betriebsausflug”. toller reisebericht mit schönen fotos. da ihr über den weiblichen teil der bevölkerung kein wort preisgebt, nehme ich an, dass ihr einen massenansturm auf das land vermeiden möchtet. besonders beindruckt hat mich die qualitativ hochwertige ausführung der elektroinstallation, sauber gemacht, ich seh sowas sofort, bin ja vom fach
lg roland