Les Rencontres d´Arles
Der Alltag. Ein ständig wiederkehrender Brei des immer Gleichen. Die Normalität gewinnt Oberhand; das Besondere kämpft ein Rückzugsgefecht. Der Alltag ist aber ein Spießgeselle, den zu verprügeln sogar unter Pazifisten zum guten Ton gehört; von Zeit zu Zeit sollte gehörig auf ihn und seinen Vetter, den inneren Schweinehund eingeschlagen werden, bis sie wimmernd das Weite suchen.
Dann ist der Weg frei um durchzuatmen, Energie zu tanken, die Welt zu entdecken und alle Gewohnheit und Langeweile hinter sich zu lassen.
Die Auseinandersetzung mit der Arbeit von Kollegen ist immer wieder eine gute Möglichkeit, der Normalität zu entfliehen und einen Schritt aus der eigenen künstlerischen Egozentrik zu tun. Also zogen die Photogräfin Berit Helmlinger, ihr Mann Hans und ich los, um eine kleine Stadt in Südfrankreich zu entdecken. Schon zum 38. Mal fand in Arles das Fotografiefestival “Les Rencontres d´Arles Photographie” statt.


Was wir dort fanden, war gewissermaßen der Ziegelstein auf dem Kopf der schon sehr in Mitleidenschaft gezogenen Kreatur namens Alltag; der Gnadenstoß, welcher ein vorläufiges K.O. des ewigen Schweinehundes zur Folge hatte.
Ausstellungen an jeder Ecke, in jedem Restaurent, jedem Café. Große Ausstellungen in ehemaligen Kirchen, wunderschönen mediteranen Palais, in alten Fabriken. Kleine Ausstellungen in privaten Galerien und praktisch überall wo eine Wand zur Verfügung stand. Der besondere Genuss für uns: ausschließlich Fotografie!
Natürlich ist es auch der Landstrich, der einen gehörigen Anteil am Genuß der Ausstellungen hat. Etwa 30 Kilometer von der Küste entfernt, nördlich der Camargue, eines wunderschönen Naturschutzgebietes gelegen und mit all den Zutaten, die das Gericht “mediterranes Lebensgefühl” braucht, ausgestattet wäre Arles auch ohne dieses Festival einen Besuch wert.



Ja, klar; 1400 Kilometer ist eine Distanz, die man nicht mal schnell bewältigt, um einen Kaffee trinken zu gehen - doch für ein paar Tage ohne den Alltag auf dem Beifahrersitz zahlt es sich auf jeden Fall aus.



Nun aber zur Fotografie. Wir haben unglaublich viel Verschiedenes gesehen. Ausstellungen mit unglaublich schlechten Bildern, die aber so genial präsentiert waren, dass sie trotzdem das Prädikat “beeindruckend” erhielten. Ausstellungen mit so provokanten Bildern, dass man zu zweifeln beginnt, ob die eigene Einstellung wirklich liberal oder doch stock-konservativ-spießig ist…? Austellungen mit so witzigen Bildern, dass man sich nur die Frage stellen kann, was diese Kollegen wohl an Bewußtseinserweiterndem einwerfen…? Ausstellungen die gute Bilder so atemberaubend präsentieren, dass man sich selbst nur noch als kleines Würstl sieht. Und so viele Bilder, dass es absoluter Wahnsinn ist, all das in zwei Tagen zu absolvieren, wie wir es taten. Eine ganze Stadt widmet sich der Fotografie. Zwischen den Ausstellungen marschiert man durch die Stadt und genießt das Leben in Südfrankreich. Genuß, Genuß und nochmal Genuß!



Es war wohl einer dieser lichten Mommente, wo auch einem kleinen Fotografen aus der oberösterreichischen Provinz klar wird, dass er einen unfassbar schönen Beruf hat, der viel mehr ist, als nur Arbeit. Viel Mehr, als nur ein Blatt Papier mit Silberkristallen oder etwas Tinte kommt dabei raus. Glück, Emotion, Provokation, ganz einfach das Leben - all das kann unsere Fotografie sein.
Manche Arbeiten waren wie Pforten, die dich zu Entdeckungen einladen, die den Betrachter fordern und ihn zu einer Art Mitverschworenen in einem Geheimbund machen. Ein Bund der Begeisterten, der Suchenden, jener die die Welt auch noch aus anderen Winkeln sehen wollen.
Was ist Fotografie? Was darf Fotografie sein? All diese Fragen bekommen hier einen anderen Stellenwert und rücken die Grenzen, welche man sich selbst setzt wieder weiter raus. Raus aufs Meer; raus in die Weite des Horizonts, bis zu dessen Ende man auf wohltuende Weise nicht zu blicken vermag.




Und es lauert die Inspiration. Dieser gehegte und gepflegte ungleiche Zwilling des Alltags, den zu prügeln man nie wagen würde. Hier ist sie überall und macht aus ganz wenig ganz viel; führt dich direkt dorthin wo du sein musst…
… vielfältig sind die Ideen. Wie oft ich doch den Gedanken verscheuchen muss, dass alles schon entdeckt sei. Dass alles schon da war und es sich nicht mehr lohnt, es wieder auszugraben. Dass ich manchmal vermessen genug bin, zu glauben, ich hätte schon alles gemacht und erfahren. Was für ein Schwachsinn. Was für eine Geringschätzung der Welt. Die Idee trägt jeder in sich; es gilt nur, sie zuzulassen, sie aufzuspüren …




Doch irgendwann gibt´s den Zeitpunkt, wo die Glieder und vor allem das Hirn müde werden und man sich die eine oder andere Flasche Wein kauft und dem Alltag, noch bevor er sich wieder einschleichen kann, damit gehörig eine über den Kopf zieht und selbige anschließend mit Genuß und Blick auf das unsichtbare Afrika und dem vielen Wasser zwischen dort und hier leert …


Text: m-art-in Arbeithuber
Fotos: Berit Helmlinger, m-art-in Arbeithuber

Hallo Martin,
sehr schöner Reisebericht und auch sehr passende Worte - sind ja sehr philosophisch.
Deine Meinung mit dem kleinem Würstel bzw. dem kleinen Fotografen aus OÖ kann ich so gar nicht teilen.
Für mich bist du einer der ganz großen in deinem Fach.
Vielmehr zeugt es von Größe, trotz erfolgreicher eigener Arbeit auch mal über den Tellerrand hinaus zu sehen und das eigene Schaffen immer wieder zu hinterfragen. Das zeugt von Invovationsgeist, der Suche nach vielleicht noch besserer oder anderer Arbeitsweise (besser kann man ja schlecht objektiv beurteilen, da es immer im Auge des Betrachters liegt).
Viel Erfolg und neue Inspiration weiterhin wünscht dir
Markus